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„… nur die Liebe kann die Welt noch retten.“ - Vortrag von Prof. Dr. Ferdinand Buer

Liebe Psychodrama-Interessierte, liebe Psychodrama-Aktivisten und Aktivistinnen!

 

„… nur die Liebe kann die Welt noch retten.“ Eine starke Behauptung! Was soll man dazu sagen? Es geht also um nichts Geringeres als um Weltrettung. Aber wovor? Offenbar vor einem Untergang der alten Welt, wie wir sie bisher kannten. Also müssen wir von der Bedrohungslage sprechen. Aber es gäbe ein alles entscheidendes Gegenmittel: Die Liebe. Also müssen wir darüber sprechen, was wir darunter verstehen wollen. Und was hat das alles mit dem Psychodrama zu tun? Ich behaupte nun, dass wir gerade auch durch psychodramatisches Lernen diese Liebe entfachen können. Sodass wir befähigt sind, diese Liebe in der Welt zu stärken, und wir gemeinsam mit unseren Mitmenschen wieder mehr Lust auf ein glückendes Zusammenleben bekommen.

 

Woher nehme ich den Mut, all diese grundlegenden Fragen zu klären?  Aus Erkenntnissen, die ich aus den Humanwissenschaften und meiner eigenen Psychodrama-Erfahrung in meiner Beratungspraxis gewonnen habe.

 

Zu meiner Berufsbiographie: Ich war 18 Jahre lang hauptberuflich in Lehre und Forschung tätig in Soziologie, Sozialpädagogik und psychosozialer Beratung an den Unis in Münster und Göttingen, habe daneben meine Psychodrama-Ausbildung bei Ella Mae Shearon gemacht und war viele Jahre Theorieausbilder für das „Psychodrama-Institut Münster“, dann auch Ausbilder im eigenen „Psychodrama Zentrum Münster“, wo es um die Anwendung des Psychodramas in Supervision und Coaching ging. Ingeborg Wegehaupt-Schneider  hat in Hamburg vor Jahren auch einen Ausbildungskurs für mein Institut durchgeführt. Da ich Jahrzehnte zu Morenos Philosophie und dem Psychodrama-Verfahren publiziert habe, konnte ich jetzt daran anknüpfen.

 

Dieser Vortrag wird mit Literaturhinweisen in ein paar Tagen übers Institut veröffentlicht. Dann könnt Ihr meine Überlegungen noch einmal in Ruhe nachvollziehen und überprüfen.

 

Erster Schritt: Was wollen wir unter „Liebe“ verstehen?

 

Zweiter Schritt: Was bedroht uns hier und jetzt? Und wie gehen viele gegenwärtig damit um?

 

Dritter Schritt: Welche Bedeutung kommt der Liebe von Anfang an in der Entfaltung des Psychodramas zu?

 

Vierter Schritt: Wie kann in einer Psychodrama-Gruppe diese Liebe entfacht werden?

 

 

Fünfter Schritt: Was bedeutet das alles für die Weltrettung?

 

Aber zunächst eine erkenntnistheoretische Vorbemerkung: Ich orientiere mich an der pragmatistischen Wahrheitstheorie, wie sie vor allem vom Philosophen und Psychologen William James in den USA schon vor über hundert Jahren entwickelt wurde. Ich verwende hier bewusst nicht den üblichen Begriff „pragmatisch“ für diese Denkrichtung, weil dieses Wort im alltäglichen Sprachgebrauch eher negativ behaftet ist, sondern den Fachbegriff. „Pragmatizistisch denken“ heißt dann: Ich gebe den verschiedenen Begriffen eine Bedeutung, die sie bedeutsam macht zur Orientierung meines zukünftigen Handelns. Diese Sichtweisen sollen mir Mut machen, etwas so zu unternehmen, dass ich durch dieses Handeln gute Erfahrungen in meinem Leben mache. Das nennt William James „Verifikation“: Wahr-Machen. Wenn sich allerdings die Umsetzung dieser Sichtweise nicht so in der Praxis bewährt, wie ich es gut genug finde, dann sollte ich meine Sichtweise ändern, also meine Theorie mit ihren Begriffsbedeutungen. Diese pragmatizistische Wahrheitstheorie entspricht ganz Morenos Ansicht.

 

Schon1914 fordert er in einer Frühschrift: „Erst wag‘s, dann wäg‘s.“ Das heißt: Wenn wir etwas erreichen wollen, sollten wir vor allem eine kreative Idee umsetzen, um etwas zu verbessern. Dabei und danach sollten wir unsere Erfahrungen mit diesem Handeln beurteilen, also auswerten. So ergeben sich immer neue Schleifen zwischen Handeln und Nachdenken usw. und so fort. Also auch zwischen Praxis und Theorie.

 

Im Übrigen ist genau dieser Erkenntnisprozess auch im Verlauf eines Psychodrama-Treffens vorgesehen: Erzählen – neue Ideen spielerisch ausprobieren – Spielerfahrungen bewerten. Dann in der Alltagspraxis umsetzen, beim nächsten Treffen von den Erfahrungen erzählen, nachdenken, neue Wege spielerisch erkunden und so fort. Bis die Handlungsmöglichkeiten erschöpft sind. Hoffentlich mit einem erfreulichen Zwischenergebnis.

 

Erster Schritt: Was wollen wir unter „Liebe“ verstehen?

 

Als Einstieg drei Schlaglichter:

 

„Ich bete an die Macht der Liebe.“ Das ist eine Zeile aus einem christlichen Kirchenlied von 1750. Es geht darum, dass uns die Liebe Gottes aus einem egoistischen Leben erlöst hat. Dankenswerter Weise. Es geht also um eine göttliche Macht. Interessanter Weise wird diese Komposition eines Russen nach WIKIPEDIA heute noch von unserer Bundeswehr zum Großen Zapfenstreich gespielt.

 

Zweites Schlaglicht: „Make love, not war.“ Dieser Slogan der Hippies aus den 70-er Jahren wendet sich vor allem gegen den brutalen Vietnamkrieg der US-Amerikaner. Es geht um freie Liebe, die wir uns lustvoll gönnen sollten, um so gegen Hass und Gewalt gefeit zu sein.

 

Drittes Schlaglicht: Die christliche Nächstenliebe. „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Meint: Du sollst deine erreichbaren Mitmenschen auf eine unterstützende Weise lieben, wie du selbst erwartest, geliebt zu werden. Das gilt auch für Fremde, auch für Feinde. Diese Liebe soll Jesus vorgelebt haben. Nur wenigen ist bekannt, dass Jesus dabei Stellen aus dem Alten Testament aufgreift, also jüdisches Denken. Da Jesus sich wohl als Gottessohn gesehen hat, soll er gesagt haben: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

 

Nach ostjüdischem mystischem Denken kann der andauernde göttliche Schöpfungsprozess aber nur gelingen, wenn die Menschen mitmachen. Da Moreno selbst in Bukarest von diesem Glauben geprägt war und sich noch in Wien als Rabbi verstanden hat, will er die Menschen dazu bringen, sich dieser göttlichen Kraft zu öffnen, um so gekräftigt an der Erschaffung einer liebenswerten Welt mitzuarbeiten. Ohne diese Mithilfe ist Gott machtlos. Aber ohne diese göttliche Kraft ist es der Mensch ebenso. Diese liebevolle Kraft, diese Energie, diese Macht nennt Moreno in den USA: Creativity und wir alle sollten Co-Creators sein.

 

Für Moreno steht diese transmundane Macht allen Menschen offen. Sie müssen sich nur auf diese Kreativität einlassen. Diese kreative Macht dient der liebevollen Weltgestaltung. Sie kann und sollte auch das politische Handeln im öffentlichen Raum vorantreiben. Das nennt die jüdische politische Denkerin Hannah Arendt: „Amor mundi“. Sie hat den Begriff bei dem Kirchenlehrer Augustinus vorgefunden. Da die Welt schlecht sei, plädiert dieser für eine der göttlichen Liebe zugewandten Innerlichkeit. Das aber führe zur Weltflucht, meint Arendt. Sie wendet den Begriff dagegen positiv: Da wir nun mal auf dieser Welt leben, sollten wir alles tun, um sie lieben zu können. Das heißt, politisch aktiv werden, um sie liebenswert zu gestalten. Diese Weltliebe stelle eine Macht dar gegen Gewalt jeglicher Art.

 

Diese Liebe zur Welt basiert auf der zwischenmenschlichen Liebe im Nahraum. Der französische Philosoph André Comte-Sponville knüpft dabei in seiner Liebes-Philosophie an antikes Denken aus dem alten Griechenland an und unterscheidet zwischen verschiedenen Liebesweisen. Da ist zunächst Eros, also die sinnliche, leidenschaftliche, körperbetonte Liebe. Davon erzählen seit Jahrhunderten große Epen. So etwa schon die Odyssee aus dem 8. Jh. vor Christus. Homer erzählt von den Gefahren, die Odysseus bestehen muss, um endlich zu seiner geliebten Penelope nach Ithaka zurückzukehren. Während diese die frechen Freier abwehrt, die sie bedrängen, um sie zu besitzen und damit auch das ganze Königreich. Sie hält über zwanzig Jahre ihrem Gatten die Treue, ohne jede Information über den Verlauf der Schlacht um Troia. Odysseus will aber nicht nur seine erotische Liebe leben. Er liebt auch seinen Sohn Menelaos, seinen Vater Laertes, sein Volk, eben die Menschen, denen er sich zugehörig fühlt und für die er sich verantwortlich weiß. Er liebt den Ort, wo er sich wohlfühlt, seine Heimat.

 

Und das ist nicht mehr Eros, das ist Philia, also eine freundschaftliche Liebe. Diese Liebe bezieht sich auf alles, was Freude macht. Das kann sich auf Angehörige, auf bestimmte vertraute Personen, aber auch auf geliebte Tiere oder Tätigkeiten beziehen. Die letzte Bedeutung taucht bei uns noch heute in bestimmten Fremdwörtern auf: z.B. Phil-hipp: der Pferdeliebhaber, Phil-harmonie: die Liebe zu harmonischer Musik, Philo-sophie: die Liebe zur Weisheit. Philia kann sich dabei auf Berufstätigkeiten beziehen, die wir gern ausüben, auch auf Hobbies, die wir liebend gern betreiben, auch auf die beglückende Wahrnehmung von beeindruckenden Landschaften oder von bedeutenden Kunstwerken. Ein weites Feld. Es geht also um eine Freude spendende Beziehung zur Welt, die wir liebend gern spüren wollen. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt diesen erfreulichen Kontakt zur Welt Resonanz.

 

Erst dann spricht Comte-Sponville von Agape, der fürsorglichen Liebe, die sich um alle die kümmert, die in Sorge sind. Die bei uns als Nächstenliebe bekannt ist.

 

Allerdings können diese Liebesformen auch ausarten. Wenn nämlich Eros, Philia, Agape süchtig machen, man sich also verausgabt, um sich dadurch narzistisches Eigenlob zu verschaffen, dann muss von Egoismus gesprochen werden. Denn die so Geliebten werden abhängig gemacht. Und die süchtig Liebenden erschöpfen sich selbst. Im Gegensatz dazu steht eine liebevolle Haltung sich selbst gegenüber. Von der „Freundschaft mit sich selbst“ bis zur liebevollen Selbstfürsorge, die sich darum kümmert, dass ich all das bekomme, was ich für ein anständiges Leben wirklich brauche. Und was mich stark macht, mit Bedrohungen fertig zu werden.

 

Erst wenn diese menschenfreundlichen Liebesweisen gegenseitig frei ausgelebt werden können, können wir glücklich sein. Ist das nicht in ausreichendem Maße möglich, ist das Mensch-Sein existentiell gefährdet. Wenn wir nicht in einer solchen Welt leben wollen, dann müssen wir die Welt lieben. 

 

Allerdings kann diese Liebe nicht immer gegen Hass und Destruktion ankommen. Daher benötigen wir darüber hinaus nach Comte-Sponville eine Ethik, die für alle Menschen akzeptabel sein sollte und Gewalt ächtet. Und darüber hinaus ein Rechtssystem, das demokratisch legitimiert ist, auch mit Gewalt gegen Gewalttäter bzw. -täterinnen vorzugehen.

 

Wenn es also im Psychodrama darum geht, diese Liebe zu entfachen, dann geht es um alles: Um die Privatsphäre wie um das öffentliche Leben. Genau das hat auch Moreno nicht getrennt.

 

Kurz zusammengefasst: Liebe ist eine positive Macht, eben das zu realisieren, was man als liebenswert ansieht. Es geht um eine Freude machende Ermächtigung im Gegensatz zu einer zerstörerischen Gewaltanwendung. Es geht um Empowerment.

 

Ich verwende hier einen anderen Machtbegriff, als er in Soziologie, Politologie oder Geschichtswissenschaft verbreitet ist, eben nicht als Herrschaftsinstrument, mit Gewalt und Zwang verbunden. Mein Begriff von Macht steht in der antiken Tradition von dynamis, energeia, potentia und meint: Energie, Kraft, Stärke, Power. In dieser Bedeutung taucht er auch schon im zuvor erwähnten Kirchenlied auf. Die Wahl dieser positiven Bedeutung von Macht entspricht der pragmatistischen Sicht auf die Wirklichkeit. Er macht Lust, mächtig werden zu wollen, um eine liebenswerte Welt zu schaffen. 

 

Zweiter Schritt: Was bedroht uns hier und jetzt? Und wie gehen viele gegenwärtig damit um?

Durch menschliches Handeln wird ein menschenwürdiges Leben auch in unserer heutigen Welt objektiv bedroht: Durch Angriffskriege von außen und ihre Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, durch Gewalteskalation im Inneren, durch Zerstörung der Lebensgrundlagen, durch Verringerung der Artenvielfalt, durch zunehmende Ungleichverteilung  der Lebensmöglichkeiten, durch ungerechte Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen, durch die Neujustierung Europas bzw. Deutschlands gegenüber den USA unter Trump, durch die Neuverteilung der Weltherrschaft über territoriale Einflussbereiche durch autokratische Systeme, durch Ströme von Menschen, die gezwungen sind, sich eine neue Heimat zu suchen usw. Manches davon erfahren wir direkt in unserem Leben. Vieles davon erfahren wir lediglich über Medien, deren Wahrheitsgehalt oft unklar ist bzw. gezielt verfälscht wird. 

 

Viele reagieren in unsere Breiten subjektiv darauf mit

 

·         Resignation, die sich als Apathie, Burnout, Depression zeigt,

·         Überheblichkeit, die sich in narzistischen Allmachtsphantasien äußert,

·         Misstrauen gegen Politik, Medien, Gesundheitssystemen etc., das sich in Dogmatismus, Populismus,  Verschwörungs-ideologien zeigt,

·         Technikgläubigkeit, die mehr Schaden als Nutzen bringt.

 

 

Diejenigen unserer Mitmenschen, die so reagieren oder gar agieren, glauben nicht mehr an die Macht der Liebe. Sie neigen zu Hass bis hin zur Gewaltanwendung.

 

Das Vertrauen allzu vieler in die Bewältigung der objektiven Bedrohungen durch den demokratischen Staat schwindet daher. Dialogbereitschaft wird zunehmend durch polarisierende Feindschaft ersetzt. Die „Mitte-Studie“ 2025 der Friedrich-Ebert-Stiftung stellt für die BRD fest: 57 % der Befragten sind demokratisch eingestellt und lehnen Rechtsextremismus ab. 20 % äußern sich ambivalent gegenüber rechtsextremen und nationalchauvinistischen Aussagen und zeigen sich für antidemokratische Orientierungen offen. 40 % haben kein Vertrauen mehr in die demokratischen Institutionen. Jede oder jeder Siebte befürwortet Verhältnisse wie in einer Diktatur.

 

Der Psychoanalytiker, Systemforscher und Organisationsberater Fritz Simon kommt in seinem neuen Buch „Wie Diktaturen funktionieren“ zu einer pessimistischen Prognose: „Demokratien dürften ein nur flüchtiges Phänomen der Menschheitsgeschichte darstellen. In der Vergangenheit waren sie eine Ausnahme, und in der Zukunft werden sie es schwer haben.“ Denn als Herrschaftsmittel stehen heute zur Verdummung viele elektronische Kommunikationsmedien und zur Einschüchterung erhebliche Druckmittel einsatzbereit. Simon befürchtet daher „eine Spaltung der Weltgesellschaft in offen autokratische Staaten und Pseudodemokratien, die von Tech-Oligarchen gesteuert werden.“

 

Haben diejenigen, die „trotzalledem“ noch an die Macht der Liebe glauben, dagegen noch eine Chance, liebenswerte Welten zu erhalten, gar aufzubauen? Und welche Rolle kommt dabei speziell der Psychodrama-Community zu? Zur Beantwortung dieser Frage werde ich zunächst zeigen, welche Bedeutung der Liebe schon in der Geschichte des Psychodramas zugesprochen wurde.

Dritter Schritt: Welche Bedeutung kommt der Liebe von Anfang an in der Entfaltung des Psychodramas zu?

In den ersten drei Phasen ist die Entstehung und Entwicklung des Psychodramas stark von Morenos Aktivitäten geprägt:

 

 

Erste Phase: Moreno als Prophet und als Theatermacher in Wien bis 1925: Dafür steht:

„Das Testament des Vaters“ von 1922 und „Das Stegreiftheater“ von 1923. 

 

In Wien wollte er wie Jesus spontan an Ort und Stelle direkt helfen. Er schreibt 1957: „Christus hätte wohl niemals eine Predigt gehalten, weil er niemals eine Kirche erreicht hätte. Mit seiner ‚Freundlichkeit‘ gegenüber dem Universum wäre er auf seinem Weg zur Kirche durch unzählige Ereignisse aufgehalten worden – indem er den unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen entgegengekommen wäre, in dem Haus, in dem er lebte, gegenüber dem Bettler an der Hecke, dem kleinen Jungen, der mit ihm spielen wollte, einem lahmen und müden Pferd, das einen Wagen zog, und einem alten Freund, der ganz plötzlich erschienen wäre und den Arm ausgestreckt hätte, um ihn zu berühren. Indem er dem therapeutischen Prinzip des Hier-und-Jetzt gefolgt wäre, hätte er das Ritual der Liebe an Ort und Stelle ausgeübt.“

 

1948 scheibt Moreno: „Für Jesus war Gott die Quelle aller Spontaneität – der Spontaneität der Liebe der Schöpfung. Er bemerkte die Grenzen, die die Menschen gegen ihre Mitmenschen errichtet hatten; er verurteilte die Konserven seiner Zeit – die konservierte Weisheit, konservierten Besitz, konservierte Nächstenliebe und jede konservierte Ethik… Auch wenn sie in seiner Botschaft nicht explizit wurde, war die Philosophie des Kreators implizit in seinem Leben.“

 

Aber: Moreno gründete auch damals schon viele Institutionen: Ein Haus der Begegnung für Flüchtlinge. Er unterstützte die Organisierung verarmter Prostituierte. Er betätigte sich als Herausgeber von Zeitschriften und als Autor zahlreicher poetischer Schriften. Er betrieb ein Stegreiftheater in Wien. Im Flüchtlingslager in Mitterndorf wirkte er als Arzt und entwarf schon damals ein soziometrisches Konzept zur Umgruppierung der Umgesiedelten.

 

Der sich entwickelnden Parteiendemokratie stand er damals eher skeptisch gegenüber. Er sah ein Gegeneinander voraus, die eine „Ich-Seuche“ begünstige. Daher hielt er an einer gesellschaftlichen Erneuerung von unten fest. Er sah aber auch in gewaltsamen Umstürzen keine Lösung, wie sie etwa 1917 in Russland stattfand. Als seine Familie von Rumänien nach Österreich emigrierte, war er eine Zeit lang staatenlos. Als er dann in die USA auswanderte, weil er den antisemitischen Faschismus auf sich zukommen sah, war er auch dort einige Jahre staatenlos. Ihm war ein Emigrantenschicksal durchaus bekannt.

 

Zweite Phase: Moreno als Wissenschaftler in den USA seit 1925:  Dafür steht:

„Who shall survive“ von 1934.

 

Morenos Sohn Jonathan schildert, wie Moreno in seinem Sanatorium in Beacon bei New York ab 1936 seine psychodramatische Gruppenpsychotherapie entwickelt. Er eröffnet 1942 in New York sein Sociometric Institut, aber auch sein Theatre of Psychodrama. In dieser Zeit entstehen in den USA zahlreiche neue Gruppenverfahren, die von breiten Bevölkerungskreisen frequentiert werden. Alle auf der Suche nach einem standardisierenden Format:  Encounter-Groups, T-Groups, Sensitivity-Trainings… Aus diesen Verfahren und ihrem humanistischen Denken entsteht Schritt für Schritt die Humanistische Psychologie, Psychotherapie und Pädagogik.

 

Vor allem aber propagiert Moreno soziometrische Untersuchungen gerade auch in totalen Einrichtungen wie etwa in Gefängnissen, in Schulen, in Erziehungsheimen, in Psychiatrischen Anstalten. In seiner soziometrischen Theorie geht Moreno schon realistisch davon aus, dass Liebe und Hass die Menschen umtreiben. Er nennt sie gar Eros und Eris. Sie zeigen sich in Anziehung und Abstoßung. In seiner soziometrischen Aktionsforschung geht’s darum, diese Phänomene im telischen Netzwerk der jeweiligen Bevölkerungsgruppe zu erheben, um dann gemeinsam mit den Betroffenen zu einer Umgruppierung zu kommen, wenn ein Ausweichen nicht möglich ist. Auf dass alle insgesamt besser miteinander auskommen. Daran aber muss diese Gruppe auch mitarbeiten. Moreno erwähnt aber nicht nur Eros und Eris. Auch der Gott der gegenseitigen Liebe, Anteros, könne wirksam sein. Denn durch Umgruppierung um des lieben Friedens willen können sich Menschen näherkommen und sich dann sogar unverhofft lieben lernen.

 

1951 – 1966 ist er Adjunct Professor für Soziologie an der New Yorker Universität. Er will sogar eine neue Form von Demokratie: eine „Therapeutische Weltordnung“ attraktiv machen. Diesen Grundlagentext von 1957 habe ich 1991 auf Deutsch in meinem ersten Jahrbuch veröffentlicht. Am Ende seines Lebens 1974 aber muss er erkennen, dass er damit gescheitert ist.

 

Moreno unterschätzt damals die Möglichkeiten einer liberalen Demokratie.  Ganz anders als die politische Denkerin Hannah Arendt, die der faschistischen Todesdrohung in die USA entrinnen konnte und froh war, nach Jahren die Möglichkeiten eines Rechtsstaats in Anspruch nehmen zu können.

 

In diesen beiden Phasen hat Moreno zahlreiche Begriffe im pragmatizistischen Sinn genutzt, wie etwa den Begegnungsbegriff, oder gar erfunden, etwa den Telebegriff. Oder positive Dynamiken beschrieben, die die Weltentwicklung vorantreiben, wie etwa die unendliche Spirale von Spontaneität – Kreativität – Konserve – Spontaneität – Kreativität - Konserve usw. usw. Sie alle sollen „Wege zur Neuordnung der Gesellschaft“ ebnen.

 

Dritte Phase: Moreno als Psychodramatiker in der Welt. Dafür steht:

„Gruppenpsychotherapie und Psychodrama.“ von 1959.

 

 

Moreno bringt nun das Psychodrama auch nach Europa: Mailand, Zürich, Paris, Barcelona, Prag, Amsterdam, Wien. Aber auch nach Russland: Moskau, Leningrad. Vor allem Grete Leutz trägt das Psychodrama nach Deutschland. Später auch Ella Mae Shearon. Neben dem Psychodrama wird 1967 auch die Gruppendynamik nach Kurt Lewin, mit dem Moreno in den USA intensiv zusammengearbeitet hat, im „Deutschen Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik“ organisiert.  

 

Vierte Phase. Seit den 90-ger Jahren in den deutschsprachigen Ländern.

 

Als 1989 die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv) gegründet wurde, habe ich es gleich unternommen, das Psychodrama auch dort unterzubringen. Dazu war es notwendig, klar zwischen dem Verfahren Psychodrama und einem professionalisierten und gesellschaftlich anerkannten Format zu unterscheiden. Das Format setzt die formalen Standards, das Verfahren bringt das Leben in die Bude. Und diese Formate werden inzwischen in zahlreichen Sektoren unserer Gesellschaft eingesetzt: In den Bereichen Gesundheit, Bildung, Soziales, Pastorales, Justiz nicht nur mit dem spezifischen Adressatenkreis dieser Sektoren, sondern auch mit den dort professionell Tätigen und deren Führungskräften. In diesen Formaten wird das psychosoziale Wohlergehen zahlreicher Bevölkerungsgruppen gesichert. Da diese Formate auf Basis freiwilligen Engagements der Nutzer und Nutzerinnen der Wohlstandsicherung dienen, machen sie ein demokratisches Zusammenleben lebbarer. Morenos ursprüngliches Vorhaben eines basisdemokratischen Miteinander der Menschen wird nun in diesen Formaten in kleinen Gruppen eingeübt. Das konnte Moreno nicht voraussehen.

Vierter Schritt: Wie wird nun in dieser vierten Phase das, was die Liebe ausmacht, in einer Psychodrama-Gruppe entfacht?

Könnte es nicht sein, dass alle Anliegen, um die es in den verschiedenen Formaten, in denen das Psychodrama eingesetzt wird, geht, um die Liebe kreisen? Um Eros, um Philia, um Agape? Weil sie fehlt? Weil sie beschädigt wurde? Weil sie erstarrt ist? Ob es sich um persönliche Beziehungsprobleme handelt im privaten oder beruflichen Bereich, um Probleme, die durch ungeliebte Arbeit auftreten, durch ein Leben in der ungeliebten Fremde, durch fehlende Unterstützung bei großen Sorgen oder einfach durch Erschöpfung oder gar Selbsthass? Und diese Beschädigungen und Einschränkungen ergeben sich doch aus Konserven, die die kreative Liebe erstickt haben: Rollenzwänge, die aufgeherrscht wurden, denen man sich angepasst hat, aus denen man egoistische Vorteile gezogen hat. Oder es kommen die, die nicht mehr wissen, was richtig oder was falsch ist. All diejenigen, denen das alles unerträglich wird, könnten bereit sein, sich zu besinnen. Aber auch diejenigen, deren Ansprüche an ein gutes Leben das gegenwärtige Leben jedenfalls nicht mehr genügt. Könnte es nicht sein, dass die Nachfragenden sich ganz schlicht nach kreativer Liebe sehnen?

 

Menschen jedoch, die Feindbilder fixiert haben, die allem Etablierten mit Misstrauen begegnen, die genau wissen, was richtig und was falsch ist, die sich in Konserven verfangen haben, wollen unter sich bleiben. Denen jedoch, die Auswege aus diesen Sackgassen suchen, kann psychodramatisch geholfen werden. Wodurch?  Ich behaupte: Dadurch, dass die Bearbeitung ihrer Anliegen keine Arbeit im landläufigen Sinne ist. Es handelt sich vielmehr um ein Gefüge liebevollen Umgangs miteinander auf Gegenseitigkeit, in der Philia und Agape wirksam werden. Und zwar auf überraschend kreative Weise.  Das werde ich jetzt 17mal zeigen.

 

Ich gehe bei meiner Betrachtung idealtypisch vom Standardmodell aus, dem Gruppenpsychodrama. Selbstverständlich existieren daneben weitere Modelle. Zudem sind diese Modelle auch noch durch die Einbindung in das jeweils gewählte Format mit seinem je spezifischen Fokus und seinen spezifischen Erfordernissen modifiziert.

 

  1.  Zunächst wird mit Fachleuten geklärt: Passt die jeweils vorgetragene Thematik in das angebotene Format? Und was ist genau das Anliegen der Nachfragenden? Und reicht die Motivation zur persönlichen Veränderung? Hier ist die Liebe als Selbstfürsorge gefragt: „Ich will alles tun, um zu erreichen, dass ich das, was mir schadet, abbauen kann, und dass ich das bekomme, was ich für ein gutes Leben wirklich benötige. Ich bin bereit, dafür ein Risiko einzugehen. Dazu lasse ich mich darauf ein, gemeinsam mit anderen ein für mich ungewohntes Verfahren auszuprobieren.“
    Das bedeutet: Es geht um Agape. Zunächst als Selbstfürsorge, auch als Freundschaft mit sich selbst. Es geht dabei auch darum, die eigene Leistungsfähigkeit wieder herzustellen, die nötig ist, sich daran beteiligen zu können, die Welt liebenswerter zu gestalten.

  2. Die Psychodramagruppe als „stranger group“ ist eine überschaubare Gruppe von Fremden, die ein privates Problem eines jeden Mitglieds lösen wollen, damit dieses dann ihr jeweiliges Leben in seinen sozialen Netzen so verbessern kann, dass es damit zufrieden ist. Hier können sich sehr unterschiedliche Menschen begegnen, was Kultur, Hautfarbe, Religion, Geschlechtszugehörigkeit, soziale Schicht usw. betrifft. Sie trauen sich, offen und ehrlich miteinander umzugehen.
    Das bedeutet: Das Mensch-Sein zählt auch im alltäglichen Umgang miteinander. Verschiedenheit kann nur bereichern.

  3. Die Mitglieder sind daher bereit, sich gegenüber sehr unterschiedlichen Menschen in ihrer Pluralität mit sehr unterschiedlichen Problemen und Eigenarten zu verbünden, aber auch mit sehr diversen Fähigkeiten und Interessen, um sich gegenseitig zu helfen. Sie schenken sich dabei Vertrauen, dass alle Mitglieder die Veröffentlichungen eigener Schwächen und Fehler nicht gegen sie verwenden.
    Das bedeutet: Diese Erfahrung trägt dazu bei, sich nicht von vorne herein misstrauisch oder gar feindlich gegen Fremde zu verhalten. Sie glauben an die Hilfsbereitschaft und -fähigkeit der anderen. Denn alle diese Menschen eint doch das Streben nach einem glückenden Leben.

  4. Es kann sogar sein, dass die Konserven, die da vorgeführt werden, nicht nur den Mitspielenden, sondern auch der Hauptperson plötzlich lächerlich erscheinen. Und das Spiel löst sich in ein kathartisches Lachen auf.  Gerade das Lachen über sich selbst führt zur Selbstliebe. Man kann sich lieben, so wie man ist. Und diese Ehrlichkeit stärkt die Gruppenkohäsion. Moreno schreibt schon 1914: „Wer zuerst lacht, lacht am besten.“
    Das bedeutet: Wer über sich selbst lachen kann, wird auch im Alltag als liebenswert angenommen! 

  5. In der Psychodramagruppe können alle Ideen zu einem besseren, glücklichen Leben frei eingebracht, frei ausprobiert und eigenverantwortlich bewertet werden. Sie stellt somit eine spezifische Form eines Bürgerrats dar. Sie ist ein Ort der Freiheit. Diese freie Rede ist sogar, je nach Format, in der gearbeitet wird, durch die Schweigepflicht gerade auch der Leitung geschützt. 
    Das bedeutet: Diese Erfahrung stärkt die Motivation, sich auch im Alltag frei an basisdemokratischen Aktivitäten zu beteiligen.

  6. Das Geschehen in einem Treffen ist durch ein festes Ritual strukturiert mit drei Phasen: Erwärmung, Bühnenspiel, Integration. Dieses Ritual gibt Sicherheit in unsicheren Zeiten und reduziert Angst. Es will Potenziale aller Teilnehmenden freilegen und entwickeln. Das Ritual ermöglicht spontanes angstfreies Ausprobieren auf der Bühne.
    Das bedeutet: Auch im Alltag sollten Rituale der Angstverarbeitung genutzt werden. '

  7. Dieses spontane Spiel wird durch eine Zeremonienmeisterin bzw.  einen -meister auf ein weiterführendes Handeln hingeleitet. Und ist geschützt vor Durchbrüchen, die nicht verarbeitet werden können. Diese Experten und Expertinnen aber leben ein Paradox: Auf der einen Seite haben sie studiert und wollen mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen. Auf der anderen Seite lieben sie ihre Tätigkeit und die Menschen, denen sie hier begegnen. Sie freuen sich, wenn unter ihrer Aufsicht autonome Entwicklungsprozesse dieser mitspielenden Menschen auftauchen.
    Das bedeutet: Die Teilnehmenden müssen und können ihr Vertrauen in diese Experten bzw. Expertinnen der besonderen Art setzen, die wiederum ihr Vertrauen in die kreativen Kräfte jedes einzelnen Mitglieds wie der Gruppe insgesamt setzen.

  8. Nach pragmatistischer Art werden Lösungen ausprobiert in einer unterstützenden Gruppe. Dieses Durchleben in verschiedenen Szenen schafft echte Erfahrungen, die zum Erproben im realen Alltag ermutigen. Vor der Verifikation im Alltag steht die Verifikation in der Realitätsprobe. Auf dass niemand zu wagemutig wird.
    Das bedeutet: Lösungen entstehen durch mutiges Ausprobieren.

  9. Diese Szenen werden nicht durch rationale Analysen ausgedacht. Sie werden im Spiel induktiv ausgespielt.
    Das bedeutet: Endloses Grübeln, endloses Reflektieren, das Festhalten an dogmatischen Ansichten wird vermieden. Stattdessen steigt der Mut, Spielräume auszutesten.

  10. Ein Psychodrama-Treffen ist ein sozialer Ort der Kontemplation. Es wird bewusst eine Auszeit genommen. Hier geht es nicht um zweckbezogenes Arbeiten. Hier geht es darum, sich genügend Zeit zu nehmen, Phantasien blühen zu lassen und leibhaftig auszuspielen, um durch Besinnung zu neuen Einsichten zu kommen. 
    Das bedeutet: Dieses Treffen stellt mit den Worten des Soziologen Hartmut Rosa eine Oase der Resonanz dar. Die Entfremdung von der Welt wird phantasievoll durchbrochen. Die Welt wird wieder liebevoll gespürt.

  11. Bei diesem kontemplativen Treffen werden somit Imagination – Kooperation – Aktion praktiziert. 
    Das bedeutet: Diese eingeübten Herangehensweisen an die soziale Wirklichkeit können bei der Umsetzung in der Praxis ebenfalls eingesetzt werden. 


  12. Durch diese Zyklen von spielerischem Ausprobieren bei einem kontemplativen Treffen und dem realen Ausprobieren im Alltag befruchten sich beide Erlebensweisen: Die utopische Phantasie eines geliebten Lebens bekommt Bodenhaftung. Der harte Alltag wird flexibel für Neues geöffnet. 
    Das bedeutet: Diese Erfahrung motiviert, das alltägliche Leben auch später immer wieder durch kontemplative Auszeiten zu befruchten. 

  13. Die Beziehung der Gruppenmitglieder untereinander, die Gruppenkohäsion ist durch das, was man früher Brüderlichkeit genannt hat, gekennzeichnet. Heute spricht man eher von Solidarität. Hier ist Philia aktiv! 
    Das bedeutet: Diese freundschaftliche Telebeziehung trägt die Gruppe. Oft über die betreute Psychodramazeit hinaus. Freundschaft als wichtige Form der Liebe wird verstärkt.

     

  14. Und Agape kommt insbesondere zum Zuge, wenn einer bzw. eine dem bzw. der anderen Hilfs-Ich ist. Hier geht es darum, der jeweiligen Hauptperson im Spiel zu helfen, ihre Sorgen loszuwerden. Und man erfährt selbst Agape.
    Das bedeutet: Man erlebt, wie wohltuend es ist, Fürsorge zu erfahren. Aber auch, wie beglückend es ist, zu helfen.
       
  15. Das szenische Spiel verlangt Rollenübernahme, Rollentausch auch mit Antagonisten bzw. Antagonistinnen, nicht nur von den Mitspielenden, sondern gerade auch von dem Protagonisten bzw. der Protagonistin. Denn alle Menschen sind liebenswert, auch wenn sie sich mal nicht liebenswert verhalten. Es kann aber auch sein, dass Empathie nicht zumutbar ist und eine Grenzziehung notwendig, wie etwa in einer Traumatherapie.
    Das bedeutet: Das Rollenrepertoire wird erheblich erweitert und kann im Alltag genutzt werden. Eingefahrene starre Verhaltensmuster gerade auch im Umgang mit unliebsamen Personen werden flexibilisiert

  16. Im psychodramatischen Geschehen werden die unterschwelligen telischen Netze zum Mitspiel, zum Feedback, zum Sharing genutzt. Die Ströme von Anziehung und Abstoßungen werden gefühlt und wahrgenommen. Man kommt sich auf ungewohnte Weise ganz nah.
    Das bedeutet: Die telischen Ströme können im Kontakt mit anderen empathisch so berücksichtigt werden, dass sie ein erträgliches Miteinander ermöglichen und unnötige hasserfüllte Feindschaften verhindern. Es kann sogar gegenseitig Verständnis und Respekt entstehen.


  17. Durch die liebevolle gegenseitige Unterstützung und durch das liebevolle spontane Mitspiel wird eine Kraft erlebt, die kreative Lösungen hervorbringt. Und oftmals ereignet sich ein kreativer Kipppunkt, der dem alten Leben ein neues einhaucht.  Durch diese Erfahrung bestätigt sich der Glaube an eine liebevolle Kreativität bzw. kreative Liebe. 
    Das bedeutet: Dieser Glaube an die kreative Liebe, an eine unerschöpfliche transmundane Kraft, lässt hoffen, sich auch im Alltag darauf verlassen zu können. Dieser Glaube schenkt Zuversicht.

 

Das psychodramatische Ritual ist somit eine Ermächtigungstechnologie, die an die Macht einer liebevollen Schöpferkraft glauben lässt. Glaube verstanden im pragmatistischen Sinne, der ermutigt, machtvoll zu handeln. Der sich aber auch in einem liebevollen Leben bewähren muss. Diese Macht steht allen Menschen zur Verfügung.

 

 

Für Hannah Arendt kommt mit jeder Geburt ein neuer Mensch auf die Welt, der ein spezifisches Potential mitbringt, aus dem heraus die Welt liebevoll gestalten werden kann. Sie spricht von „Nativität“, von „Gebürtlichkeit“. Diese Möglichkeit kann aber nach Moreno nur wirklich werden, wenn man sich entschließt, an die Macht der kreativen Liebe zu glauben. Man muss sich dazu in einen „status“ an einem „locus nascendi“ versetzen. Die liebevolle Gruppenarbeit im psychodramatischen Geschehen kann ein Leben wieder zum Glücken bringen, so dass wir jedenfalls für die nächste Zeit einigermaßen glücklich sein können. Und wir wissen nun, wie wir uns verhalten müssen, wenn wir diese Fähigkeit erhalten wollen. Und dieses Wissen dürfen wir ruhig auch unseren Bekannten mitteilen. Gerade auch denen, die das bisher nicht glauben wollten!

Vierter Schritt: Was bedeutet das alles für die Weltrettung?

All die zu Anfang erwähnten Bedrohungen sind schwer einzuschätzen. Was sollen die Normalbürger und -bürgerinnen denn nun annehmen? Wir werden mit vielen sogenannten „Facts“ konfrontiert, die je nachdem negative oder positive Gefühle auslösen können. Und mit diesen widersprüchlichen Emotionen wird auch noch Politik gemacht.

 

Das beschreibt jedenfalls die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Sie rät daher dazu, diesen Emotionen „radikale Aufmerksamkeit“ zu schenken. Also genau hinzuschauen, was mich jeweils betrifft und was genau mich in welcher Hinsicht hilflos macht. Sie rät zweitens zu „radikaler Ehrlichkeit“. Also nichts aufzubauschen, aber auch nichts zu verniedlichen oder gar zu verdrängen. Dann werden wir aber auch positive Seiten des gegenwärtigen Lebens im Hier und Jetzt wahrnehmen. Vor allem, dass auch diese Emotionen real sind, dass wir auch Liebe spüren, dass „trotzalledem“ viele Formen der erotischen Liebe, der freundschaftlichen Liebe, der fürsorglichen Liebe gelingen können. Und genau diese „radiale Aufmerksamkeit“ und diese „radikale Ehrlichkeit“ ist im psychodramatischen Prozess verlangt und weist liebevolle Wege.

 

Das Recht kann sicher nicht Liebe befehlen. Es droht eher mit Bestrafung, wenn Hass und Gewalt verletzen. Ein demokratischer Staat kann das Zusammenleben seiner Bürgerschaft rechtlich regeln und mit Sanktionen untermauern. Die Bürgerschaft kann sich einer Ethik verpflichtet fühlen, die gemeinsam für ein menschenwürdiges Leben aller Mitmenschen sorgt. Aber ohne die Liebe bleibt alles abstrakt. So sind wir für ein gutes, glückendes Leben auf die Liebe konkreter Menschen angewiesen. Allein die Liebe ist frei, kreativ zu sein. Denn die Ethik ist an moralische Normen gebunden. Und die Anwendung des Rechts muss strikt legal erfolgen. Erst wo von Freiräumen gesprochen werden kann, kann von einer kreativen Macht gesprochen werden. Freiheit ist für die Liebe konstitutiv.

 

Und hier sind wir wieder bei den Überlegungen des Philosophen Comte-Sponville angekommen, die ich zu Anfang skizziert habe: Im Kern die freie Liebe, umgeben von einem Ring der mahnenden Ethik, gesichert durch einen Ring des mit Sanktionen ausgestatteten Rechts. Sicher müssen die amtlichen Politiker und Politikerinnen dafür Sorge tragen, dass die menschenfreundlichen Gesetze erlassen und auch angemessen umgesetzt werden. Aber ob sie von der Bürgerschaft gelebt werden und ob sie für ein gutes Leben aller ausreichen, das entscheidet sich vor Ort zum rechten Zeitpunkt, im Hier und Jetzt. Und da spielen Bürgerrechte und Bürgerpflichten eine Rolle. Ein demokratischer Staat wird nicht einfach als Lieferservice funktionieren. Er basiert letztlich darauf, dass wir uns alle umeinander kümmern. Und damit sind wir wieder bei der Liebe als einer kreativen Macht. 

 

In unserem Land jedenfalls wird die fürsorgliche Liebe getragen durch vielfältige humanistisch bzw. religiös inspirierte Hilfseinrichtungen wie von zahlreichen Gruppen helfender Menschen. Und wir leben in einem Wohlfahrtstaat, der viele Hilfen von Professionellen zur Verfügung stellt.  Und in diesen Formaten kann die gegenseitige Hilfe mit ihren vielfältigen Aspekten wirksam erfahren und eingeübt werden, wie ich für das Psychodrama gerade differenziert gezeigt habe.

 

Hannah Ahrendt hat 1958 in ihrem großen Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ der Bedeutung der Kontemplation, die ihr seit der Antike und dem christlichen Mittelalter zukam, das aktive Leben in der Neuzeit gegenübergestellt. Die Kontemplation bleibe wichtig, müsse aber zu einer sinnvollen Gestaltung des öffentlichen, gerade auch des politischen Lebens führen. Die Besinnung müsse sich in der Praxis der Bürgerschaft zeigen. Genau diese Einsicht hat Moreno mit dem psychodramatischen Ritual im Wechsel von Kontemplation und Aktion eine Form gegeben, die auch praktiziert werden kann. Psychodrama ist auf die kreative Tat ausgerichtet. Sie ist für das menschenwürdige Zusammenleben entscheidend. Damit geht Moreno in der Tat über Arndts Reflexionen hinaus. Beide haben sich in New York wohl nie kennen gelernt.

 

Alida und Jan Assmann aus den Kulturwissenschaften haben jüngst darüber hinaus auf einen sechsten sozialen Sinn des Menschen hingewiesen: den Gemeinsinn, den sensus communis. Der Sozialstaat könne zwar durch seine Gesetze, seine Einrichtungen und seine Zuwendungen einen Rahmen für fürsorgliches Handeln zur Verfügung stellen. Damit aber das Wohl aller gewährleistet sei, also das Gemeinwohl, seien freiwillige Aktivitäten der Bürgerschaft notwendig, die vom Gemeinsinn getragen sind. Das unterstützende Zusammenarbeiten aller Mitglieder einer Psychodramagruppe ist ein wirksamer Beitrag dazu. Zudem spielt die Solidarität als Handlungsorientierung vieler politischer Gruppen, Parteien und Nonprofit-Organisationen eine bedeutende Rolle.

 

Hier wird die Macht einer menschenfreundlichen Moral eingesetzt, gespeist von der Macht der Liebe. In Systemen der Gewaltherrschaft jedoch, wie ich sie am Anfang mit Fritz Simon beschrieben habe, wird versucht, genau diese Ethik zu zersetzen. Denn sie stellt ein erhebliches Widerstandspotential dar. Dieser Widerstand muss aber von der Macht der Liebe getragen sein. Sonst besteht die Gefahr, dass er sich in gewaltförmige Auseinandersetzungen verstrickt. Was die Revolutionsgeschichte nahelegt. Eben deshalb stand Moreno revolutionären Umstürzen skeptisch gegenüber. Und diejenigen, die in unserem Land Sympathien für Diktaturen haben, glauben nicht an die Macht einer menschenfreundlichen Moral. Und Nächstenliebe ohne Ansehen der Person ist ihnen eh egal. Aber auch mit diesen Demokratiefeinden muss menschenwürdig umgegangen werden. Ich nehme mal an, das ist im Christentum mit „Feindeslebe“ gemeint. 

 

Moreno ging es mit der Propagierung einer „Therapeutischen Weltordnung“ darum, eine neue Kunst des Zusammenlebens vor Ort zu etablieren. Es ging ihm um eine solidarische Neuordnung der Gesellschaft von unten. Diese Utopie taucht in der Geschichte der Menschheit immer wieder auf.  Die jüngste Variante dieser Utopie bietet der Konvivialismus. Eine Gruppe von nachdenklichen Menschen aus Frankreich, Les Convivialistes, haben „Das konvivialistische Manifest“ in die politische Diskussion geworfen, deutsch 2014. Ein materieller Reichtum könne ein glückliches Leben nicht ausreichend sichern. „Dazu gehören auch der Sinn für erfüllte Pflicht, Solidarität und Spiel sowie alle Formen der Kreativität auf künstlerischem, technischem, wissenschaftlichem, literarischem, theoretischem oder sportlichem Gebiet usw. Kurz, der ganze Reichtum, der mit der einen oder anderen Form von Unentgeltlichkeit oder Kreativität sowie mit der Beziehung zu den anderen einhergeht.“ Haben nicht die Mitglieder einer Psychodramagruppe Sinn für „erfüllte Pflicht“, für „Solidarität“, für „Spiel“? Und sind sie „nicht unentgeltlich und kreativ sowie mit der Beziehung zu den anderen“ tätig?

 

Es geht also den Konvivialisten darum, dass wir alle gemeinsam unser Zusammenleben kreativ-liebevoll gestalten. Jeder und jede mit seinen bzw. ihren besonderen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Machtmitteln im jeweiligen Einflussbereich. Dabei sollten gerade auch Tätigkeiten gewählt werden, die man mit Liebe ausüben kann. Und es geht auch darum, weitere Mitmenschen zu ermächtigen, ihre besonderen Liebesweisen zu entfalten. Diese damit verbundenen positiven Emotionen sind im Hier und Jetzt spürbar. Man muss nicht warten, bis das Leben irgendwann spürbar besser wird. Es geht um das liebevolle Verbessern des konkreten Lebens hier und jetzt. Auf den Punkt gebracht:

 

Wer in einer Welt leben will, in der die erotische Liebe glückt, in der die Liebe zu befreundeten Menschen glückt, aber auch zu geliebten Tätigkeiten glückt, ob im Beruf oder in der Freizeit, an geliebten Orten glückt, der muss sich für einen demokratischen Staat engagieren, der nicht nur alle vor Gewalttätern und -täterinnen schützt, sondern auch ausreichend liebenswerte Lebensmöglichkeiten für alle gewährleistet.

 

Denn wo staatliches und bürgerschaftliches Handeln vertrauensvoll Hand in Hand gehen, da ist auch das Glück zuhause. Das zeigen alle Glücksberichte. So auch jüngst der Weltglücksbericht 2026. Das scheint in Finnland schon einige Jahre am besten zu gelingen. Offenbar reicht den Finnen ihr Gemeinschaftsglück. Während es in Deutschland noch immer wohl eher darum gehe, sich gegenüber anderen Mitmenschen zu verbessern. Glücksgefühle aber basieren auf ganz besonderen einmaligen Begegnungen mit bestimmten Menschen, im kreativen Ausüben bestimmter Tätigkeiten im Hier und Jetzt. Sie können weder gezielt herstellt, noch einfach vermehrt werden. Man muss kreativer Liebe einfach entschieden Raum geben.

Wie das Psychodrama auf vielfältige Weise ganz erlebbar dazu beiträgt, habe ich gezeigt. Und diese liebevolle Zusammenarbeit wird Wirkung zeigen in den verschiedenen Netzwerken, in die wir eingebettet sind. Alle, die psychodramatisch tätig sind, tragen so zu einer demokratischen Gestaltung der sozialen Welt von unten bei. Wir sollten die Welt auf diese Weise lieben. Es geht um Amor mundi!

 

Hoffentlich hat Euch die pragmatizistische Sichtweise, die ich den vorgestellten Begriffen gegeben habe, motiviert, in diesem Sinne ins Psychodramageschehen als „locus nascendi“ einer kreativen Liebe einzusteigen. Um so auf Eure je einmalige Weise auf jeden Fall einen wenn auch bescheidenen, aber doch sehr wirksamen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten.

Literaturhinweise 

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Assmann, A., Assmann, J. (2024). Gemeinsinn. Der sechste, soziale Sinn. München.

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Trömmel, T. N. (2013): Wille und Passion. Der Liebesbegriff bei Heidegger und Arendt. Berlin.

 

Urner, M. (2024). Radikal emotional. Wie Gefühle Politik machen. München.

 

 

Dazu einige Vortragstexte auf meiner Web-Site

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